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Peter
Niklas Wilson 1957 - 2003
Wenn ein Rezensent über ein Buch schreibt, man fände darin »eine
Aneinanderreihung von Stilblüten und terminologischem Wirrwarr, die ein
Lektorat, das seinen Namen verdiente, wohl kaum hätte passieren lassen«,
wird solche Kritik in der Regel beim Verleger diesem Rezensenten gegenüber
wenig freundliche Gefühle auslösen, zumal wenn er selbst für das so
getadelte Lektorat zuständig gewesen ist. Und doch war es so.
Peter
Niklas Wilson schickte dem Oreos Verlag im Februar 1986 ein Manuskript
seiner vom NDR 2 ausgestrahlten Sendung »Der Jazzkalender«, in der er
sich mit vier der damals erschienenen sechs Bände der »Collection Jazz«
kritisch befaßte. Das Konzept sei »nicht ohne Schwächen«, die
Herausgeber hätten »keine so recht klare Linie gefunden«, hieß es
da, »etwas ermüdend« sei »die inflationäre Häufigkeit von
Superlativen«, und bei unserem Duke-Ellington-Buch stellte er »unmotivierte
Seitenhiebe gegen jegliche Modernismen« fest.
Andererseits fand er auch lobende Worte, etwa für die Bücher über
John Coltrane, Miles Davis und Keith Jarrett, und bei aller Kritik
zeigte er Freude darüber, daß es die Buchreihe gab, und ein gewisses
wohlwollendes Verständnis für die mit ihrer Verwirklichung verbundenen
Schwierigkeiten.
Über
positive Kritiken, an denen es nicht fehlte, hatte ich mich bislang
weidlich gefreut, umso mehr, als sie großmütig über manche Mängel
hinwegsahen. Schlechte Kritiken hatten wir kaum, und wenn, zeichneten
sie sich meistens durch oberflächliche Besserwissereien aus. Dieser
Kritiker jedoch würdigte in sachlicher Anerkennung, was an den Büchern
und an der Idee der Reihe zu würdigen war, und fand doch durchaus
deutliche Worte für deren auch mir bewußten Unzulänglichkeiten Diese hatten ihren Grund hauptsächlich darin, daß es sehr
schwierig war, Autoren zu finden, die sachlich kompetent und sprachlich
befähigt waren und den langen Atem hatten, etwas Umfangreicheres als
einen Zeitschriftenartikel oder einen Covertext zu schreiben, nämlich
ein ganzes Buch, und sich nicht scheuten, die damit verbundenen Mühen
der vertieften Auseinandersetzung mit dem Thema und des Recherchierens
auf sich zu nehmen. Die Weiterführung der Reihe stand wiederholt in
Frage, weil es so schwierig war, geeignete Autoren zu finden.
Peter Niklas Wilson, der gestrenge Kritiker, erwies sich in dieser
Situation zugleich als Retter in der Not. Im Begleitbrief zu seiner
Rezension bot er seine Mitarbeit für weitere Bände an. Ich war sofort
einverstanden, und so wurde er Herausgeber der Reihe »Collection Jazz«,
auch Autor und Übersetzer einiger Bände, die von nun an seinen eigenen
strengen Kriterien standhalten mußten.
Peter
mochte keine Übertreibungen, falsche Töne waren ihm in jeglicher
Hinsicht ein Greuel. Aber es ist kaum übertrieben, wenn man feststellt,
daß mit seinem Wirken ein neues Kapitel der deutschsprachigen
Jazzpublizistik aufgeschlagen worden ist. Joachim-Ernst Berendt, der
nach dem Krieg das in Deutschland bis dahin nahezu unbekannte Universum
des Jazz einem aufgeschlossenen Bildungsbürgertum auf kluge Weise
nahegebracht hatte, wußte Ende der 70er Jahre hierüber kaum noch etwas
zu sagen. Neuere Jazzliteratur fand sich selten, meistens in Form von
Beiträgen in Fachzeitschriften. Die Autoren jener Zeit suchten im Jazz
eher nach Belegen für ihre soziologischen Ideen, als daß sie sich mit
musikalischer Substanz auseinandergesetzt hätten, die zu würdigen
im damals die Avantgarde des Jazz repräsentierenden Freejazz wohl auch
nicht leicht war.
Peter Niklas Wilson lenkte endlich die Aufmerksamkeit – weg von der
unkritischen Verehrungshaltung des von Adorno wohl doch nicht gänzlich
zu Unrecht apostrophierten »Jazzfans« oder der ideologischen
Gesinnungshuberei mancher 68er – auf das Wesentliche jeglicher Musik,
nämlich auf das musikalische Geschehen, ohne deswegen den
biographischen und gesellschaftlichen Kontext ihrer Entstehung zu
vernachlässigen. Seine fundierten Kenntnisse als Musiker und
Wissenschaftler befähigten ihn hierfür in idealer Weise. Seinem
Wissen, seiner Klugheit, seinem handwerklichen Ernst und seiner
schriftstellerischen Begabung verdanken nicht nur der Oreos Verlag und
seine Leser Bücher und Aufsätze, die zu den bedeutendsten der
deutschsprachigen Musikliteratur zählen.
Walter
Lachenmann
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