Analphabet, homo ludens, Genie
Die vergleichsweise wenig auf uns
gekommenen Fotografien Django Reinhardts zeigen in der Mehrzahl einen
Mann, für den sein Instrument, die Gitarre, mehr oder minder nur eine Art
Akzessoire gewesen sein könnte, mit dessen pittoresker Gestalt sich zu
schmücken lohnte für einen Menschen, dem äußerliche Wirkung,
ästhetisierender Effekt, über alles gegangen sein mochten – scheinbar.
Der Mann selbst, mit seinem Menjou-Bärtchen über der Oberlippe, wirkt
auf naive Betrachter spontan fast immer selbstgefällig, wie ein
»Grande« alten iberischen Schlages, der in Körperhaltung und Gestus
eine Vergangenheit mit sich zu tragen scheint, die um verblichenen Adel
weiß, um eine Zeit, da Träume von Grandezza und attraktiver Virilität
noch real waren, verdiente Prädikate im Rahmen eines unbewußt
verkörperten Kulturraumes im Sinne des paidaia-Begnffs der Anthropologen
und Kulturmorphologen, ganz im Sinne des berühmten Wortes von Remy de
Gourmont: Le style, c’est l’homme – ein Fossil?
Bei genauerer Betrachtung der
Persönlichkeit Django Reinhardts erschließt sich jedoch eine
außerordentlich schillernde Figur, ganz untypisch in der europäischen
Jazzlandschaft, aber dafür umso faszinierender. Wobei schon der Zweifel
auftritt, ob man Django Reinhardt tatsächlich als einen Jazzmusiker sehen
darf oder vielmehr als ein musikalisches Naturgenie, dessen Musik treffend
nur mit seinem eigenen Namen beschrieben werden dürfte: denn Django
spielt Django und sonst gar nichts.
Schillemd, ja, und ungeheuer
individualistisch, nach europäischem Maß, das seit der musikalischen
Orientierung an den Vereinigten Staaten gewiß immer auch eine bestimmte
Uniformierung im Kopieren von Vorbildern impliziert hat, zumindest für
die Dauer der Suche nach eigener Identität.
Solches hat Jean Reinhardt nicht nötig
gehabt, jedenfalls nicht bis zum Anfang der fünfziger Jahre. Er war, ohne
große Schwierigkeiten, immer er selbst geblieben, leidenschaftlich
authentisch, und wem das nicht paßte, der brauchte sich ja nicht mit ihm
abzugeben, wie das manche auch taten: Django lebte Django.
Ein in Belgien geborenes Zigeunerkind mit
deutschen Wurzeln, dessen direkte Vorfahren sich, von Straßburg aus, zum
ständigen Leben in Frankreich entschlossen hatten, fernab der Urheimat
Rumänien, unterscheidet sich von heute aus gesehen unser Gitarrist von
allen nach ihm gekommenen und von ihm hergekommenen Zigeunergitarristen
vor allem dadurch, daß er musikalisch nichts gehabt hat, worauf er
direkt, also: evolutionär, hätte aufbauen können, weil derartiges zu
seiner Zeit eben niemanden interessierte, weder hüben noch drüben. Womit
denn einmal mehr bewiesen sein könnte, daß akademische Bildung den
Pionier, den Schulenbegründer nun mal nicht unbedingt machen muß,
sondern einzig und allein die Kraft, die er aus sich selber schöpft. Ein
wirklicher Neuerer, man kennt das aus Beispielen anderer Kunstgattungen,
hat eben jene directio voluntatis, jene Wissenschaft und jenes
Wissen um die Richtung, in die sie zu lenken sei, die ihn zum Meister auf
seinem Feld machen.
Er hat Schule gemacht, aber keine Schule
gehabt, nur einen einzigen kurzen Abend von einem selbsternannten
Wohnwagen-Lehrer irgend etwas erzählt bekommen, das ihn so tödlich
gelangweilt haben muß, daß er es schnellstens wieder vergaß und nie
mehr dorthin zurückkehrte – ein frühes Signal. Also blieb er
Illiterat, Analphabet, der die ihm später beigebogenen Buchstaben nur
deshalb aufs Papier bekam, weil er sie betrachtete mit den künstlerisch
begabten Augen des sich an Form und Gestalt ergötzenden Malers, der er
auch war.