Bruno Paulot

Albert Mangelsdorff

Gespräche

288 Seiten, 90 Abb., Hardcover
€ 10,80 [D], € 11,40 [A], CHF 19,80
ISBN 978-3-923657-42-1

»Das Lebensbild eines erstaunlichen Mannes, in dessen autobiographischen Erzählungen sich aus ungewöhnlicher, höchst eigenbrötlerischer Sicht ein Stück Zeitgeschichte spiegelt.«
Frankfurter Rundschau

 


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In viele Clubs komme ich schon seit Jahrzehnten jedes Jahr hin. Ob das in einer Großstadt ist oder einer kleinen Gemeinde, ist mir egal. Der Jazz ist mein Beruf, und wenn Leute kommen und sich dafür interessieren, wird gespielt. Und ganz sicher ohne Unterschied in der Qualität. Ich spiele immer gern.

Daneben gab und gibt es ganz anders geartete Veranstaltungen. Es gab die Zusammenarbeit mit dem tschechischen Pantomimen Milan Sladek, den ich improvisatorisch begleitet habe, es gibt auch immer mal wieder Anfragen von Tänzern, die mit mir zusammenarbeiten möchten, was ich auch schon öfter gemacht habe. Es gab in den 50er Jahren Bühnenmusiken am Frankfurter Schauspiel, die wir in der Gruppe gespielt haben, ausgehend von der Komponistin Adelaid Montain, die auch mal ein Posaunenkonzert geschrieben hatte, das wir zusammen mit einem Orchester in einer Kirche in Bad Homburg aufgeführt haben; es gibt da Veranstaltungen der unterschiedlichsten Ausrichtung, die ich wahrgenommen habe und weiter wahrnehmen werde. Aber nicht wegen des Geldes, manchmal sind sie auch gar nicht so lukrativ, sondern ganz einfach, weil es mich reizt. Ich habe mich immer einer gewissen Herausforderung gestellt: Wie weit kannst du an ein Publikum, das mit deiner Musik nicht familiär ist, herankommen? Oder: Bin ich fähig, auch ein ganz anderes Publikum zu interessieren, und das noch mit einer so herben Angelegenheit wie dem Solospielen? Ich kann nicht sagen, daß das immer gelungen ist, aber der Versuch reizt mich immer wieder.

Eigentlich bedauere ich, daß es mir als Instrumentalist nicht möglich ist, politische Inhalte zu transportieren. Andererseits denke ich, daß die Haltung, die man als Künstler, der in der Öffentlichkeit steht, bestimmten Strömungen gegenüber einnimmt, auch etwas bewirkt.

Den Jazz als eine linke Musik zu bezeichnen, habe ich Bedenken. Zum Beispiel die Nazis, sie wollten den Jazz nicht dulden, auf jeden Fall war er ihnen suspekt, und dennoch haben sie, wie wir heute wissen, Gebrauch davon gemacht, wenn auch nur zu Propagandazwecken. Oder nehmen wir Spanien. Unter dem Franco-Regime war Jazz nie verpönt oder gar verboten, im Gegenteil, es gab dort sehr viele Jazzfestivals. Aber genau dadurch war der Jazz praktisch entpolitisiert. Oder wenn wir an die DDR denken. Zuerst war der Jazz verpönt, dann aber, in den späteren Jahren, hat man diese Haltung aufgegeben und die Jazzmusiker gewähren lassen, sie sogar mit Dauervisum ausgestattet, womit sie den Jazz letztlich neutralisiert haben. Man könnte sagen, daß sie den Jazz fast eingespannt haben für ihre Zwecke. Ich meine, es hängt immer davon ab, wie sich die Obrigkeit verhält, ob der Jazz eine politische Wirkung hat.

Dennoch, auch wenn sich der Jazz nicht in ein politisches Raster einordnen läßt, spricht immer ein gewisser Protest aus ihm, eine Haltung zum Leben, die anders ist als die, die von einer Obrigkeit, ganz gleich welcher Art, gefördert wird. Wenn er allerdings in totalitären Systemen toleriert wird, besteht die Gefahr seiner Neutralisierung. Andererseits läßt sich nicht leugnen, daß der Jazz auch unter den Nazis politisch gewesen ist, denn Jazz spielen oder sich dafür interessieren, bedeutete Bekenntnis für eine unkonventionelle und nicht geduldete Musik, und auch ein Bekenntnis oder ein Flirten mit Amerika, das ja offiziell Feindnation war. Das trifft ähnlich auch auf die frühe DDR und auf die Sowjetunion zu, als der Jazz noch als westlich-dekadent geschmäht wurde.